Der erste Besuch...

Ich setze mich in den Zug und warte auf die Abfahrt. Eine scheinbare Gewissheit, die mir bei rationaler Betrachtung hätte eher als Wunschdenken erscheinen müssen, sagte mir, dass diese Fahrt eine entscheidend positive Wendung in meinem Leben bescheren würde. Wir kanten uns gerade einmal seit acht Tagen. Eine Nachricht im Postfach meines Profils in einem Internet Single-Portal ließ mich damals aufhorchen, neugierig werden. Was folgte waren Mails hin und er in kurzen Abständen, dann ein mehrstündiger nächtlicher Chat über ICQ. Uns beiden wurde klar, dass wir uns sehen wollten. Bereits bei den Mails und beim Chat hatte ich ein verdammt gutes Gefühl; wir schienen uns zu ergänzen, wie ich es zuvor noch nie bei einer Frau erlebt hatte. Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken an die Mails, an den Chat dabei, dass in mir die Begeisterung Dich REAL zu erleben von einem Gefühl aufkeimender Verliebtheit verdrängt zu werden droht. Aber ich will es nicht zulassen - noch nicht! Nicht, bevor ich Dich gesehen oder vielmehr erlebt habe! Dein Aussehen ist für mich in Bezug darauf, wenn auch nicht vollkommen irrelevant, so doch von äußerst nachrangiger Bedeutung.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Der Begrüßung durch den Zugchef schließt sich die Information an, dass der Zuglauf sich wegen eines Unfallbedingten Gleisschadens geändert hat, und statt eines Halts in Ingolstadt nun Donauwörth angefahren wird. Donauwörth… Ich besinne mich kurz auf meine Geschichte, und frage mich, wie oft ich wohl während meiner vorhergegangenen mehr als fünfjährigen Beziehung an diesem Bahnhof ein- und ausgestiegen bin. Und so lasse ich die mir wohlbekannte Strecke an mir vorüberziehen, und bemerke etwas überrascht, dass ich über ein Jahr nach der Trennung keinen Schmerz, keinen Groll, keinen Wehmut fühle. Erinnerungen ja, aber eigentlich nur die, dass ich damals diese Strecke in dieser Richtung auf dem Weg zu einer Frau befahren habe, die ich damals sehr liebte. Ja, damals… wie die Zeiten sich ändern. Die einst so wichtige Gegenwart ist nun im Dunstkreis der Vergangenheit zu einem Teil meiner Geschichte geworden, und - sollte ich eines Tages an einer Autobiographie schreiben - ein abgeschlossenes Kapitel meines Lebens mit allen Höhe und Tiefen, die ein jedes Kapitel zu bieten hat.

Irgendwie bin ich sogar erleichtert; wenn dieser Besuch in Erlangen tatsächlich eine Wendung in meinem Leben einleiten sollte… NEIN! NICHT DIESER GEDANKE! MACH DIR KEINE ERWARTUNGEN, DIE DANN WIEDER ZERSTÖRT WERDEN! … Aber wenn doch, dann ist dies ein letztmaliges Befahren der Strecke mit den alten Erinnerungen - dann werden mich beim nächsten Mal ganz andere Gefühle und Gedanken begleiten. Zeitweilige Blicke aus dem Fenster lassen mich noch vereinzelte erinnerungsbehaftete Orte und Flecke in der Landschaft erkennen und die Gedanken entschwinden ebenso schnell wie der Platz das Blickfeld verlässt.

Als wir jetzt Donauwörth verlassen begebe ich mich wirklich auf neues Gebiet. Ich hatte zwar einmal auf einer Fahrt nach Bremen diesen Streckenabschnitt schon einmal befahren, dennoch ist er nach wie vor für mich neu. Und je mehr mir bewusst wird, dass ich Dir schon in wenigen Stunden - nein, nicht einmal mehr zwei Stunden - zum ersten Mal in die Augen sehen werde, steigert sich ein gewisses flaues Gefühl in meinem Magen. Genauso, wie ich keine Verliebtheit aufkommen lassen möchte, will ich alle Zweifel als vollkommen irrational abtun. Aber es gelingt mir nicht! Wie ein Gewitter, wie eine Schlacht der Gedanken durchzucken mich Geistesblitze der Couleur "Sie ist so zauberhaft - ich liebe sie!" und "Was, wenn sie dich sieht und dich aus irgendeinem Grund nicht ausstehen kann?" praktisch abwechselnd. Eine Weile kommt es mir vor als betrachte ich dieses Schauspiel fasziniert, aber nach einiger Zeit, und vor allem, weil sich weder ein Sieg für die eine oder andere Seite, noch ein ehrenhaftes Remis abzeichnet, fange ich an, diese Sperenzchen meines Gehirns zu hassen! "So fühlt sich also wohl ein Schizophrener!" denke ich zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß hinein und schaffe mitten im Gefecht eine kurze Atempause. Da es so überhaupt nicht bis zu meiner ersten Begegnung weitergehen kann, und ich es auch nicht leiden kann, wenn meine Gedanken mit mir machen was sie wollen und so meinen freien Willen mit Füßen treten beschließe ich, mich mit etwas zu Lesen abzulenken und von den Klängen Mike Oldfields beruhigen zu lassen.

Ja! Endlich wieder etwas Ruhe in meinem Kopf. In für mich akzeptablen Abständen tauchen immer noch Gedanken an Dich auf, an unsere kurze gemeinsame Geschichte. Des Lesens müde, lege ich mein Buch nach einiger Zeit wieder zur Seite.

Wie war das noch? Du hast mich angeschrieben. Arwen… Wohl jeder, der je Herr der Ringe gelesen oder gesehen hat, verbindet mit diesem Namen die zauberhafte Schöne aus dem Reich der Elben. Zwar hatte ich drei Fotos von Dir gesehen, aber wenn ich sie mir nun hier vor der vorüber ziehenden Landschaft in Erinnerung rufe, entsteht auch nicht wirklich ein Bild von Dir, bei dem ich sagen kann: "SO ist sie, SO sieht sie aus!" Aber ein anderes Bild zeichnet sich in viel größerer Deutlichkeit ab, als das rein optische. Sätze, die Du in Mails, im Chat geschrieben hast schießen durch meinen Kopf und lassen mich unwillkürlich vor mich hin lächeln: Das Bild, das sie von den Grundzügen Deines Charakters formen ist mir sympathisch… extrem sympathisch sogar! Unwillkürlich muss ich bei dem Gedanken an den Beginn unserer Beziehung …. NEIN! BEKANNTSCHAFT! BEKANNTSCHAFT!!! … an Gerhard Polt und seine Mai Lingh denken: "… Ja, gell, i hab mir se aus'm Katalog b'stellt! ..." Ja, in diesem Fall bin wohl ich es, der bestellt wurde (wenn man das überhaupt so sagen kann). Und gleich hinterher fällt mir noch der Cartoon ein, mit einem Hund, der am PC seines Herrchens sitzt und Liebesbotschaften an die einsamen Damen diese Welt verschickt, und am Ende dem Comicleser mit einem Grinsen verrät: "Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist!" Bingo! Fast tendiere ich dazu, meinen grauen Zellen zu applaudieren! Schon lange nicht mehr über die Ungewissheit eines Blind-Date und mögliche Enttäuschungen nachgedacht… ja, mindestens seit fast 360 Sekunden. Und scheinbar als Ausgleich kommt mir in den Sinn, dass alles, was Du schriebst so spontan, so ehrlich war, dass Du es nur ehrlich meinen konntest! So gut schauspielern kann niemand! Da war ich mir sicher!

Und so verbrachten wir noch einige Zeit damit, uns zu streiten: Meine positiven Gedanken, meine Skepsis und ich, der ich quasi als rationaler Schiedsrichter darüber zu wachen hatte, dass keine Seite wirklich gewinnen konnte, außer eben ich. Ich war froh, dass ich mich für die Fahrt im IC entschieden hatte, der doch eine Stunde weniger lang brauchte als ein Regionalexpress. Noch eine Stunde länger und ich würde mit einem abwesenden Grinsen fröhlich lächelnd und total wirr dem Zug entsteigen. Mit der Zeit bekam ich aber dann die beiden anderen doch ganz gut unter Kontrolle. Ab und zu durften sie zwar ihre Meinung äußern, aber as ließ mich unbeeindruckt, zumal sich bereits meine "Schau mer Mal!"-Seite durchgesetzt hatte!

Langsam wurde ich richtig aufgeregt; etwa so, wie ein ABC-Schütze am Morgen seines ersten Schultages. Ich musste das in den Griff kriegen! Wenn ich so nervös bliebe, würde ich nur Unsinn plappern und sie mich sicher umgehend für einen ausgemachten Idioten halten! Ich entschied mich noch einmal für die sanften Klänge Mike Oldfields aus meinem MP3-Player. Und in der Tat: Zusammen mit ein wenig autogenem Training und einigen Atemübungen konnte ich mich etwas nach unten bringen. NORMAL war jedoch etwas anderes… Aber zumindest hatte ich ein Nervositäts-Stadium erreicht, mit dem ich mich halbwegs arrangieren konnte. Wir tauschten noch kurz den Treffpunkt per SMS aus. Was, wenn wir uns verpassen? Was, wenn sie mich sieht, und aus irgendeinem Grund beschließen würde, einfach wieder weg zu fahren? Nein, das macht sie nicht! … Aber wenn doch? … Nein, dafür ist sie nicht der Typ! … Woher willst du das wissen; etwa von dem einen Chat und den paar Mails? ………

UUUUUUUUUUUUUUUUUUUUHEEEEEEEEEEEE!!!!!!!!!!!!! Ich entwickelte einen ziemlich unklaren, wenig definierten Hass auf meinen "Oberschlundganglion". Das kann nicht wahr sein!

Ehe ich jedoch ernsthaft über Strafmaßnahmen und Sanktionen gegen mein Zentralnervensystem nachdenken konnte, bemerkte ich die Einfahrt in den Bahnhof von Erlangen. Ich musste raus! Jetzt oder nie! Unwillkürlich schoss mir ein Zitat, das Robert A. Heinlein in "Starship Trooper" gebraucht, durch den Kopf: "Vorwärts ihr Hunde, oder wollt ihr ewig leben!" Es entstammt ursprünglich angeblich einem Truppführer einer Infanterieeinheit, die während des Ersten Weltkrieges in den Stellungs- und Grabenkriegen in Frankreich verwickelt war. Und mit diesem Spruch befahl offenbar jener Truppführer seinen Soldaten, zur Angriffswelle den Graben zu verlassen, wohl wissend, dass gut und gerne die Hälfte bereits an der oberen Kante des Schützengrabens von feindlichem MG-Feuer niedergemäht werden würde. Und genau wie einer dieser Soldaten fühlte ich mich. (Das Gefühl durfte ich beim Kriegspielen während meiner Bundeswehrzeit einige Male nachvollziehen.)

Dennoch stieg ich aus, mit genau dem Gefühl, mit dem fast jeder einer solch scheinbar sinnlos ausweglosen Situation begegnet: "Ich gehöre zu den anderen 50 %!"

Sie schrieb mir, sie würde sich etwas verspäten! Ich hatte noch Zeit zu fliehen, nutzte die Chance aber nicht. Sollte ich nun doch bitterlich enttäuscht werden, so hätte sich eben meine Theorie bezüglich der einen oder anderen Hälfte als fatale Fehleinschätzung erwiesen.

Also setzte ich mich ganz in der Nähe unseres Treffpunktes und wartete. Schließlich fuhr sie vor, ich warf eine Blick ins Auto, war schon fast glücklich, dann öffnete ich die Tür, verstaute umständlich meinen Rucksack auf dem Rücksitz und nahm auf dem Beifahrersitz platz … und dachte: "Wwwwwwwwwwwwwwwoww!" Kein sehr intelligenter Gedanke, aber in Anbetracht meines Haderns mit meinem Gehirn vielleicht eine kleine Retourkutsche desselben. Sie war bezaubernd, faszinierend, hatte Augen in deren Tiefe ich mich n Sekundenbruchteilen verlieren konnte, eine Aura von Glück, Freude umströmte sie… Moment… oder mich? Ich weiß es nicht!

Als Begrüßung ein sanfter Kuss auf die rechte und linke Wange, dann fuhren wir los. Auf in einen Tag, dessen Verlauf für uns beide noch völlig im Dunkeln lag.

aktualisiert 29.09.2008
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